Theodor Wartensleben
Theodor Wartensleben wurde am 27. März 1884 in Ober-Ramstadt geboren. In dieser südhessischen Stadt lebten hauptsächlich vier jüdische Familien: die Familien Muhr, Wartensleben, Bendorf und May. Am größten war die Verwandtschaft Wartensleben, von denen es im 20. Jahrhundert acht Familien gab. Sie leiteten sich her von Wolf und Herz Wartensleben, möglicherweise Brüder (Wolf starb 1845 in Ober-Ramstadt). Die Vorstände der Familien Wartensleben waren meist Vieh- und Pferdehändler.
Verheiratet war Theodor Wartensleben mit der acht Jahre jüngeren Ida Wolf aus Hülchrath, mit der er sich im Jahr 1919 verlobt hatte.
Am 27. November 1921 kam in Barmen in der Wichlinghauser Straße 21 Ida Wartenslebens Sohn Kurt auf die Welt, am 31. August 1923 folgte Hans. Mit der Adresse Wichlinghauser Straße 21 und mit seinem Beruf „Vertreter“ wurde Theodor Wartensleben auch noch 1935 im antijüdischen Boykottheft verzeichnet (S. 26). Irgendwann danach zog die Familie in Theodor Wartenslebens Geburtsstadt Ober-Ramstadt.
Nachdem die Nationalsozialisten im Januar 1933 an die Regierung gekommen waren, wurden auch alle Mitglieder der Familie Wartensleben von den neuen Gesetzen und Maßnahmen betroffen. Wirtschaftlich und sozial wird die jüdische Bevölkerung isoliert. Es wird nun immer schwieriger wirtschaftlich zu bestehen. Boykott und Arisierung führen dazu, dass die Wartenslebens in Ober-Ramstadt ihren Pferde- und Viehhandel aufgeben müssen.
Außerdem wurden die jüdischen Familien gezwungen, in dem Haus Baustraße 88 zusammenzuziehen, ein heute unter Denkmalschutz stehendes Gartenhaus. Auch Ida Wartensleben und ihr Mann Theodor lebten dort, bis sie am 25. März 1942 mit dem Sonderzug „Da 14“ über Mainz in das Ghetto von Piaski deportiert werden. In der Dokumentation über die Deportationen in den Jahren 1941 bis 1945 von Alfred Gottwaldt und Diana Schulle heißt es darüber, dass es am 6. März 1942 einen Vortrag von Adolf Eichmann gegeben hatte, der die logistischen Details dieser Deportationen vom Frühjahr 1942 behandelte:
Hier ist zunächst wichtig, dass die Transporte nicht zeitlich genau festgelegt werden können. Es stehen nur leere Russenzüge/ Arbeitstransporte in das Altreich zur Verfügung, die leer in das Generalgouvernement zurückrollen sollen und nun vom RSHA[Reichssicherheitshauptamt] im Einvernehmen mit dem OKH [Oberkommando des Heeres] ausgenutzt werden. Der Abfahrtstag wird sechs Tage vorher den Stapostellen, der schnellen Übermittlung und Geheimhaltung wegen fernmündlich unter dem Kennwort DA, bekanntgegeben. Die Abfahrtsstunden sind dem genau einzuhaltenden Fahrplan zu entnehmen. Die Züge fassen nur 700 Personen, jedoch sind 1000 Juden darin unterzubringen. Es empfiehlt sich daher, rechtzeitig Güterwagen für Gepäck in ausreichender Zahl bei der Reichsbahn zu bestellen. Ebenfalls ein Personenwagen für das Begleitkommando. Im Notfall müsste dieses aber mit einem Wagen des Russenzuges vorlieb nehmen. Der Führer des Begleitkdos. ist zu instruieren, dass er dafür sorgt, dass die Gepäckwagen aus dem Altreich nach der Ankunft am Bestimmungsort umgehend zurückrollen.
Ida und Theodor Wartensleben kehrten nie wieder zurück.
Theodor Wartensleben war 58 Jahre alt.
Die beiden Söhne konnten rechtzeitig emigrieren und überlebten den Holocaust. Kurt starb 1991 in New York City, Hans im Jahr 2006, ebenfalls in New York.
Quellen
https://stolpersteine-ober-ramstadt.com/abraham-und-ida-wartensleben/ | https://www.alemannia-judaica.de/ober-ramstadt_synagoge.htm | https://stolpersteine-ober-ramstadt.com/thekla-und-joseph-wartensleben/ | http://www.juden-grevenbroich.de/namen-stadtteile/ | Gottwaldt, Alfred/ Schulle, Diana: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941-1945, Wiesbaden 2005