Dr. Julius Loeb
Julius Loeb wurde am 10. Juli 1881 in Hüffelsheim bei Bad Kreuznach geboren. Seine Eltern waren Leopold Loeb, geboren 1855 in Hüffelsheim bei Bad Kreuznach, und dessen drei Jahre ältere Ehefrau Wilhelmine, geb. Marx. Julius hatte noch zwei jüngere Schwestern: die zwei Jahre jüngere Julie, verheiratete Mainzer, und die zehn Jahre jüngere Lina, verheiratete Nassauer.
Nach dem Abitur studierte Julius Loeb Medizin und ließ sich als praktischer Arzt in Elberfeld, zunächst in der Klotzbahn 30, nieder. 1910 wurde er zum Vorsitzenden der „Vereinigung jüdischer junger Mädchen und Männer“ gewählt, die 1909 gegründet worden war. Ganz offensichtlich gehörte er zum Freundeskreis der Familie von Rabbiner Dr. Joseph Norden und der Familie Fischel. Später war er sogar neben Gustav Brück stellvertretender Vorsitzender der Gemeinde.
1913 heiratete Dr. Julius Loeb die dreizehn Jahre jüngere Dina Meyer und zog mit ihr in die Kaiserstraße 40. Schon im nächsten Jahr, am 12. Juli 1914, kam die erste Tochter Gertrude zur Welt. Als wenige Wochen später der Erste Weltkrieg ausbrach, musste Julius Loeb als Arzt einrücken. Am 1. Juni 1916 meldete das Israelitische Familienblatt, dass der Bataillonsarzt beim Armierungsbataillon Nr. 65 das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse verliehen bekommen hat.
Nach der Rückkehr nach Elberfeld bekam das Ehepaar Loeb am 30. Januar 1920 eine weitere Tochter, Ellen Ilse Leopoldine.
Am 16. Dezember 1932 heiratete Julius Loebs Tochter Gertrude, genannt Trudy, ihren Verlobten Rudolf Schachnow. Schon sehr bald danach emigrierte das Ehepaar Schachnow nach Amsterdam. 1934, nachdem wegen
der nationalsozialistischen Boykotthetze die Patienten ausblieben und die Approbation entzogen worden war, wanderte auch Julius Loeb zu seiner Tochter nach Amsterdam aus, während seine Frau und seine jüngere Tochter in Elberfeld noch den Haushalt auflösten. Im August 1937 wurde Trudy Schachnows Sohn geboren. Im August 1939 verließen die drei Schachnows die Niederlande und ließen sich in New York City nieder.
Am 8. November 1942, fast zweieinhalb Jahre nach der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht, wurden die drei Loebs verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork verschleppt. Ilse Loeb verfasst nach dem Krieg einen beeindruckenden Bericht über ihre Zeit in diesem Durchgangslager:
Am 8. November 1942 wurden wir nachts um zwei Uhr von der Gestapo geweckt und mussten mit zum Adama-van-Scheltemaplein, wo man die Juden versammelte, um sie von dort nach Westerbork zu schicken. […] In derselben Nacht fuhren wir noch nach Westerbork. Dort musste man durch eine Registratur, und nach allen Formalitäten kam man in eine furchtbare „Transportbaracke“, worin 300 Männer und Frauen waren. Die Baracke war ohne Licht und ganz hinter Stacheldraht. Dort waren wir nur ein paar Stunden, dann wurden die Eltern durch Vaters Militärpapiere heraus reklamiert (dieses bedeutete, sie brauchten mit dem nächsten Transport nicht nach Auschwitz). Ich galt natürlich (über 16) nicht mehr dazu, doch Mutter fragte: „und das Kind?“ Man hatte Mitleid, und das Kind durfte auch aus der Transportbaracke.
Acht Tage später genügte der Militärantrag von Vater nicht mehr. Die Eltern wurden heraus reklamiert durch den Chefarzt Dr. Spanier. Ich stand noch auf Transport. Ich nahm 20 Ephedrin, bekam einen Puls von 120, fühlte mich sehr schlecht, aber war transportunfähig und somit gerettet. Jetzt begann ich meine Laufbahn als Schwester.
Hatte natürlich keine Ahnung, aber ich musste so tun, als ob ich alles wüsste. Durch viel zu sehen und alles zu machen, was ich nur konnte, wurde ich schnell die Freundin der Saalschwester und lernte dadurch in kurzer Zeit sehr viel. Dies alles hielt sich bis März, da standen wir wieder auf Transport. Eine neue Sperrung war möglich durch einen Herrn Puttkammer, „legale Auswanderung“. Man musste in Amsterdam Geld einzahlen und war dann für eine Zeitlang zurückgestellt. Die Bestätigung, dass wir die „legale Auswanderung“ angefragt hatten, kam genau eine Stunde vor Abgang des Zuges. Wir wurden darauf zurückgestellt.
Was es jedes Mal für uns eine Aufregung war, auf Transport zu stehen, kannst du dir gar nicht vorstellen, besonders für den lieben Vater. Es ging jede Woche ein Transport nach Auschwitz, und man konnte eigentlich immer damit rechnen, dabei zu sein. Also zur Ruhe kam man nie. Am 23. April bekam ich Scharlach und Mutti eine Phlegmone am Daumen. Der arme Vati musste uns beide versorgen. Wir bekamen regelmäßig Päckchen aus Amsterdam von allen Freunden und unserer „Bewarierin“. Ohne Päckchen konnte man schon in Westerbork nicht auskommen. Mutti war nach drei Wochen schon wieder besser, ich musste meine sechs Wochen ausharren.
Am Ende der sechsten Woche platzte ziemlich unerwartet unsere neue Puttkammer-Sperrung. Also wieder alle drei auf Transport. Mein guter Scharlach schützte mich dieses Mal. Die Mutti kannte jetzt schon mehr Leute von der Leitung, und dieses Mal rettete die Eltern der Personalchef. Mutti bekam die Leitung der Diätküche und wurde darauf zurückgestellt, und Vater wurde acht Tage ins Krankenhaus aufgenommen (auch das half). Also wieder frei. Später hatte ich alleine noch mal das Glück, auf Transport zu stehen. Hierbei erkrankte ich, trank Rhizinusöl, an starkem Durchfall und war „transportunfähig“. Nach dieser Zeit bekamen wir, was Transporte betraf, etwas Ruhe. Mutter arbeitete in der Küche, Vater arbeitete auch ein wenig als Arzt im Krankenhaus. Ich bekam jetzt eine wunderschöne Arbeit, ich wurde Saalschwester auf dem Kindersaal. Nur an Transporttagen mussten wir morgens um vier Uhr die armen kranken alten Leute anziehen und für den Transport fertig machen. Eine der scheußlichsten Arbeiten, wenn man frühmorgens die Leute in die Güterwaggons bringen musste. So entsetzlich wir jedes Mal die Transporte fanden, wusste doch Gott sei Dank niemand, wie grauenhaft das Ende dieser Reise war. Ich glaube, dann hätte es kein Mensch ausgehalten; denn jeder, der in den Zug stieg, hatte die Hoffnung, wieder in ein ähnliches Lager zu kommen wie Westerbork. Jetzt möchte ich noch ein bisschen über meine Arbeit im Kindersaal erzählen. […]
So habe ich von Juni 1943 bis Februar 1944 mich nur mit Kindern beschäftigt, es war eine herrliche und dankbare Arbeit, nur leider war das Ende schließlich furchtbar, in Auschwitz. Im Oktober 1943 erkrankte unser lieber Vater, erst hatte er eine Otitis media und später eine Lungenentzündung. Wir waren die letzten Tage und Nächte immer bei Vater. Die Krankheit hat im Ganzen drei Wochen gedauert, und wir konnten Vater, dank Mutters Küche, wirklich alles geben, was er nötig hatte. Ich kann nur das sagen, es ist ein großes Glück, dass unser lieber Vater all das Furchtbare nicht erleben brauchte.
Julius Loeb war 62 Jahre alt.
Mit sehr viel Glück, aber auch mit Klugheit gelang es Ellen Loeb und ihrer Mutter, den Holocaust zu überleben. Ihre Odysse durch die Lager endete in Lenzing, wo sie am 5. Mai 1945 befreit wurden. Von Amsterdam aus bereiteten sie sich auf die Ausreise in die USA vor. Im Oktober 1946 verließen Mutter und Tochter Rotterdam mit dem Ziel New Orleans. 1952 wurden sie amerikanische Staatsbürger. Else Loeb arbeitete als Ärztin und starb 1980 in Dallas, ihre Mutter Dina 1989, Trudy Shakno 2012.
Quellen
https://dhhrm.catalogaccess.com/archives/9261 | https://www.geni.com/people/Julius-Löb/6000000184401434824 | Stadtarchiv Wuppertal: Akten für Wiedergutmachung 424374, 424373 | Roger A. Ritvo/ Diane M. Plotkin: Sisters in Sorrow. Voices of Care in the Holocaust, Texas 1998