Hermine Leib, geb. Kahn
Hermine Kahn wurde am 28. April 1887 in Grevenmacher im Großherzogtum Luxemburg als Tochter des jüdischen Viehhändlers Isaak Kahn und seiner Ehefrau Julie, geb. Loeb, geboren. Ihre Großmutter mütterlicherseits besaß ein Kolonialwarengeschäft. Die Familie stammte aus Deutschland, lebte jedoch in Luxemburg. Hermine Kahn besuchte eine höhere Schule, verließ Luxemburg und erlernte den Beruf der Modistin. Sie war jahrelang in Barmen im Putzgeschäft Fleischhacker tätig, wo Hüte hergestellt und verkauft wurden. Dort arbeitete sie als Modistin und Verkäuferin.
Bis zu ihrer Heirat im Jahr 1912 blieb sie berufstätig. Ihr Ehemann, Gottfried Leib, führte in Barmen an der Dickmannstraße 25 eine Damenschneiderei. Noch vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs wurden die Kinder Johanna Irene (*26. Dezember 1912) und Helmut (*23. März 1914) geboren.
Hermine Leibs Mann diente dann im Ersten Weltkrieg als Soldat. Sie versuchte unterdessen, das Geschäft allein weiterzuführen, musste es dann aber doch aufgeben. Schon ein Jahr nach dem Ende des Krieges und der Rückkehr ihres Mannes wurde am 26. Oktober 1919 der jüngste Sohn Günther Siegfried geboren.
Die Freude über den Nachwuchs und das familiäre Miteinander währte indes nur kurz, denn Gottfried Leib war schwer verwundet worden. Am 7. Oktober 1921 erlag er den Folgen seiner Verletzungen und wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Hugostraße bestattet.
Hermine Leib stand nun als junge Witwe von 34 Jahren mit drei kleinen Kindern allein. So begann sie wieder zu arbeiten, und zwar wieder an ihrer alten Arbeitsstelle im Hutgeschäft Fleischhacker, zunächst als Verkäuferin und später auch als Kassiererin. Sie war eine ausgebildete Kauffrau, verfügte über eine höhere Schulbildung und konnte perfekt Französisch, so dass sie sich erfolgreich bei der Firma Leonhard Tietz als Fremdsprachenkorrespondentin bewarb. Diese Tätigkeit übte sie aus, bis sie sich Ende 1932 einer schweren Operation unterziehen musste.
Als sie wieder arbeitsfähig war, regierten bereits die Nationalsozialisten. Hermine Leib konnte nun wegen ihrer jüdischen Herkunft keine angemessene Arbeitsstelle mehr finden. So machte sie sich mit einem Geschäft für Molkereiprodukte, Eier und andere Lebensmittel selbständig. Ihre Kunde und Kundinnen waren fast ausnahmslos jüdisch – was nicht ausreichte, so dass sie die Selbstständigkeit schließlich wieder aufgeben musste.
1935/36 emigrierten Hermine Leibs drei Kinder nach Palästina – sie waren nun alle Anfang zwanzig. Sie wollten ihre Mutter gern nachkommen lassen, sobald sie selbst in dem neuen Land Fuß gefasst hätten. Zuvor versuchte sie vergeblich, zurück nach Luxemburg zu gehen, dann fragte sie einen Verwandten in Hamburg an. Hermine Leib begann nun, ihre Vier-Zimmer-Wohnung in der Dickmannstraße 25 aufzulösen. Hausrat und Mobiliar konnte sie nur zu Schleuderpreisen loswerden. Die wertvolleren Teile stellte sie im Gemeindehaus neben der Synagoge unter, in der Hoffnung, die Sachen eines Tages wieder abholen zu können. Aber das Inventar ging während der gewalttätigen Ausschreitung in den Novembertagen 1938 in Flammen auf.
Mit nur einem kleinen Teil ihres Besitzes zog sie 1936 zu ihrem Verwandten Jakob Loeb nach Hamburg in die Dillstraße 1 im Grindelviertel. Sie trat dort in die israelitische Gemeinde ein und schloss sich am 18. Februar 1936 dem Kultusverband der konservativen Synagoge am Neuen Dammtor an. Ihr Einkommen war so gering, dass sie meistens keine Gemeindesteuer entrichten musste.
Während der Hamburger Jahre stand sie über Rot-Kreuz-Briefe mit ihrer Tochter Irene in Kontakt. Die kurzen Mitteilungen zeigen, dass sie in dieser Zeit ständig umziehen und sich immer wieder neue Beschäftigungen suchen musste: Im Juni 1936 nahm sie eine Stelle als Hausangestellte in der Rabenstraße 15 an. Danach war sie bei Dr. Bukschnewski, Gröningerstraße tätig. Vom 1. Juli 1939 bis September 1941 arbeitete sie in der Schäferkampsallee 29, dem jüdischen Alten- und Siechenheim, wo sie bis Mai 1941 auch wohnte. Sie verdiente rund 40 Reichsmark und konnte dort auch kostenlos essen.
Ab dem 3. September 1941 war sie dann in Wandsbek gemeldet. Warum sie in das Haus Klopstockstraße 6 kam, ist nicht bekannt. Möglicherweise bestanden durch ihren inzwischen emigrierten und ausgebürgerten Verwandten Leopold Leib noch Verbindungen zur Wandsbeker Gemeinde. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die jüdische Wohlfahrt Hermine Leib in die Klopstockstraße schickte, um die dort wohnhafte Familie Pohl zu unterstützen. Insbesondere auf der unverheirateten Tochter Hedwig lasteten alle Pflichten wie Haushaltsführung, Betreuung und Versorgung der alten Eltern, dem gelähmten Geheimrat Prof. Dr. Julius Pohl und seiner bettlägerigen, pflegebedürftigen Ehefrau Hedwig. Diese Familie war zwar katholisch, fiel jedoch unter die NS-„Rassegesetze“.
Doch bei Familie Pohl konnte Hermine Leib nicht lange bleiben. Nach etwa sieben Wochen erhielt sie die Anordnung, am 25. Oktober 1941 mit ihrem Reisegepäck zum Bahnhof zu kommen. Mit etwa 1000 anderen Menschen musste sie einen Zug besteigen, der das Ghetto Łódź einen Tag später erreichte. Dort wurde sie am 27. Oktober registriert.
Ob Hermine Leib im Ghetto umkam oder in eins der Vernichtungslager –Chełmno oder Auschwitz – verschleppt und dort ermordet wurde, ist nicht bekannt. Bei ihrer Deportation war sie 54 Jahre alt.
Quellen
Archiv Begegnungsstätte Alte Synagoge: Sammlung Föhse (Irene Fischer, geb. Leib) | http://www.stolpersteine-hamburg.de/?&MAIN_ID=7&r_name= Leib&r_strasse=&r_bezirk=&r_stteil=&r_sort=Nachname_AUF& recherche=recherche&submitter=suchen&BIO_ID=1273