Dr. Georg Lindemeyer

  • Geburtsdatum: 05.08.1887
  • Geburtsort: Elberfeld (heute Wuppertal)
  • Beruf: Rechtsanwalt
  • Wohnort:

    Kölner Straße 28 (heute Johannisberg)

  • Todesdatum: nach 10.11.1941
  • Todesort: Ghetto Minsk oder Vernichtungsstätte Maly Trostenez

Georg Lindemeyer wurde am 5. August 1887 in Elberfeld geboren. Sein Vater war der Mitinhaber des „Textil-Warenunternehmens Lindemeyer & Co.“ Moritz Lindemeyer, der schon am 8. Februar 1892 im Alter von erst 47 Jahren starb. Sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof an der Weißenburgstraße.

Georg Lindemeyers Mutter war Anna Mathilde, geb. Cahn, geboren am 3. April 1858 – unbekannt, wo. Kurz nach dem Tod ihres Ehemanns heiratete sie erneut, und zwar dessen nichtjüdischen Geschäftspartner Georg Reinhard Hobbie, mit dem sie im April 1901 noch einen Sohn bekam: Reinhard Walther. Kurz danach wurden die Kinder evangelisch getauft – Georg Lindemeyer war fünf Jahre alt.

Nach dem Besuch des Humanistischen Gymnasiums in Elberfeld studierte Georg Lindemeyer Jura in Bonn und Heidelberg. Daneben belegte er Vorlesungen in Germanistik, Philosophie und Geschichte. Während der Zeit als Referendar lebte er in Berlin, wo er bei dem bekannten Anwalt und Notar Arnold Lewinsky arbeitete. Im August 1915 heiratete er dessen Tochter Frieda Else, die am 24. Juni 1893 in Berlin geboren worden war.

Seit dem 12. Januar 1915 war Georg Lindemeyer beim Landgericht Düsseldorf als Anwalt zugelassen. Das Ehepaar wohnte in der Teutonenstraße 2. 1916 ließ sich auch Frieda Lindemeyer evangelisch taufen. Während des Krieges war Georg Lindemeyer als Übersetzer tätig.

Am 21. März 1917 wurde in Düsseldorf die Tochter Eva-Maria geboren. Am 27. April 1919 kam Edith Magdalene zur Welt und am 26. Dezember 1922 der Sohn Wolfgang Karl Gustav. 1918 war die Familie in das Haus Salierstraße 4 umgezogen. Lindemeyers gehörten zur Gemeinde der Auferstehungskirche an der Arnulfstraße in Düsseldorf-Oberkassel, wo sie auch ihre drei Kinder taufen ließen.

Seine Kanzlei hatte Georg Lindemeyer 1931 in der Graf-Adolf-Straße 28, 1932 und 1933 in der Bismarckstraße 66. Sie war nur klein, und darum bewarb er sich im April 1932 um eine Stelle als Richter. Zwar beurteilte ihn der Präsident des Landgerichts als „einwandfrei“ und als „ruhig, freundlich und entgegenkommend,“ wurde aber trotz seiner Kompetenzen und Qualifikationen abgelehnt.

Nach dieser Absage zogen Lindemeyers von der Salierstraße in die Cranachstraße 8, dann in die Steinstraße 78 und schließlich, am 7. April 1936, in eine Wohnung in die Yorkstraße 42. Dieses Haus wurde später eins der so genannten „Judenhäuser“.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 waren aus Christen jüdischer Herkunft „Nichtarier“ geworden. Georg Lindemeyer wurde im April 1933 mit dem Vertretungsverbot belegt. Sowohl der Präsident des Düsseldorfer Landgerichts als auch der des Oberlandesgerichts wollten bei ihm in Berlin für eine Wiederzulassung eine Ausnahme erwirken und schrieben: „Es hat sich herausgestellt, dass der Gesuchsteller kein Altanwalt ist und auch kein Frontkämpfer war, da die Zurücknahme der Zulassung mangels nicht nachzuweisender kommunistischer Betätigung aber nicht zwingend vorgeschrieben ist, sondern in das Ermessen der Justizverwaltung gestellt ist und dem Anwalt s.Zt. von allen drei beteiligten Stellen Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausgestellt worden sind, bringe ich in Vorschlag, dem Gesuch zu entsprechen.“

Aber das preußische Justizministerium lehnte das Gesuch ab, und Georg Lindemeyer wurde am 5. Juli 1933 aus der Anwaltsliste gelöscht.

Die Töchter Eva-Maria und Edith verließen 1933 das Schiback-Schmidt-Lyzeum. Eva-Maria fand Arbeit als Sekretärin, ihre Schwester besuchte noch zwei Jahre das St. Ursula-Gymnasium in der Düsseldorfer Altstadt. Wolfgang besuchte ab Ostern 1933 das Hindenburg-Gymnasium in der Klosterstraße.

Den Lebensunterhalt für die Familie verdiente Georg Lindemeyer zunächst mit Nachhilfestunden in Fremdsprachen, Geschichte und Philosophie, aber auch mit der juristischen Vertretung einer Düsseldorfer Kohlenfirma und aus Ersparnissen. Außerdem verfasste er unter dem Pseudonym „Georg Linden“ juristische und literarische Beiträge für die Zeitschrift „Geistiges Eigentum“, die in Leiden/ Holland herausgegeben wurde. Als Mitglied des „Reichsverbands christlich-deutscher Staatsbürger nichtarischer oder nicht rein arischer Abstammung e.V.“ hielt er seit 1933 Vorträge.

Seit 1935 mussten Georg Lindemeyers Ehefrau und seine Kinder mithelfen, Geld zu verdienen. Sie kauften und verkauften Reinigungsmittel und Süßwaren und nahmen Büroarbeiten an. 1937 schickten die Eltern zunächst, am 18. April, die Tochter Edith, und am 7. Oktober Wolfgang zum Schulbesuch nach England. Eva-Maria, die seit März 1938 bei Josef Neuberger und Max Mendel arbeitete, emigrierte am 27. April 1939 nach England.

Lindemeyers waren vor den antijüdischen gewalttätigen Ausschreitungen am 10. November gewarnt worden und hatten die Nacht bei Freunden verbracht. Die Wohnung wurde verschont und Georg Lindemeyer auch nicht verhaftet. Eva-Maria aber musste noch vor ihrer Emigration Anfang 1939 die Silber- und Schmucksachen der Eltern bei der Städtischen Pfandleihe abliefern.

Nun versuchten Georg und Frieda Lindemeyer angestrengt, aus Deutschland auszuwandern, doch alle Bemühungen waren vergeblich. Seit dem 19. September 1941 mussten sie das demütigende Kennzeichen mit dem „Judenstern“ tragen, und Georg Lindemeyer musste auf einem der Düsseldorfer Friedhöfe Zwangsarbeit leisten. Seine Frau ging fast nie mehr aus dem Haus.

Zwischen 1937 und 1939 standen die Eltern Lindemeyer mit ihren Kindern vor allem über Briefe in Kontakt. Nach dem Beginn des Krieges wurde der Briefverkehr erschwert. Anfang November 1941, nachdem Georg Lindemeyer und seine Frau die Aufforderung erhalten hatten, sich am Düsseldorfer Bahnhof Derendorf einzufinden, um zu einem „Arbeitseinsatz in den Osten“ gebracht zu werden, schrieb Frieda Lindemeyer an die Kinder am 8. November:

Morgen müssen wir unter grausamsten Bedingungen unser altes Heim verlassen und werden in die Fremde getrieben. Unser Ziel soll Minsk sein. Nun müssen wir alles verlassen, was uns lieb war, und ohne einen Pfennig in die Fremde gehen. In unserm Alter wirklich keine Kleinigkeit. Nach schweren inneren Kämpfen habe ich mich entschlossen, Vati nicht allein zu lassen, obgleich ich doch so gern schlafen gehen würde, wenn ich wüsste, dass mir kein Wiedersehen mit Euch beschieden ist. Ich will versuchen, durchzuhalten und bete zu Gott, dass er mir die Kraft gibt, all das Schreckliche zu ertragen, was Er uns schickt. […] Unser erster und letzter Gedanke werdet immer Ihr sein, meine geliebten Kinder! Jetzt ist die letzte Nacht vorüber, die wir in unserem Bett, unter dem schützenden Dach gewesen sind. Nun geht`s hinaus. Auch da wollen wir sagen: mit Gott.

Georg Lindemeyer fügte diesem Brief die beiden Testamente bei, die er schon am 12. September 1940 in Erwartung der bedrohlichen Zukunft verfasst hatte.

Am 8. November 1941 trafen sich Lindemeyers mit Freunden und dem Kaiserswerther Pfarrer Hans Balke zur Abendmahlsfeier in der Yorkstraße 42. Am nächsten Tag mussten sie am Sammelplatz am Bahnhof erscheinen, eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen und in der noch nach Dung riechenden Halle des Schlachthofs übernachten. Nach einem Marsch von der Rather Straße zum Derendorfer Bahnhof am frühen Morgen des nächsten Tages wurden Lindemeyers am 10. November 1941 mit 991 weiteren Juden und Jüdinnen aus dem gesamten Gestapobezirk Düsseldorf nach Minsk deportiert.

Die Wohnung wurde von der Gestapo versiegelt, die Möbel später versteigert und der Safe mit wissenschaftlichen und literarischen Manuskripten von Georg Lindemeyer und Wertpapieren aus dem Nachlass von Frieda Lindemeyers Onkel Prof. Alfred Cohen aus Göttingen (2.8.1863 Berlin-3.3.1938 Göttingen) verschwand.

Lindemeyers werden nach ihrer Ankunft im Ghetto von Minsk am 15. November 1941 nicht mehr lange gelebt haben, sondern vermutlich in der Vernichtungsstätte Maly Trostenez erschossen worden sein.

Georg Lindemeyer war bei seiner Deportation 54 Jahre alt.

Seine drei Kinder anglisierten ihren Nachnamen in „Lindsey“ und blieben auch nach dem Ende der Naziregierung in Großbritannien. Alle drei heirateten später jüdische Ehepartner.

Quellen


Mauss, Susanne: Nicht zugelassen. Die jüdischen Rechtsanwälte im Oberlandesgerichtsbezirk Düsseldorf 1933-1945, Essen 2013, S. 324-329 | https://gedenkbuch-duesseldorf.de/memory-book/lindemeyer-georg/?_sfm_name=Lindemeyer | Stadtarchiv Wuppertal: Geburtsurkunde Elberfeld 2566/1887