Else Lewin, geb. Gollop
Else Gollop wurde am 4. September 1887 in Berlin geboren. Über ihre Kindheit, Familie und Schulzeit ist kaum etwas bekannt. Sie heiratete den Kaufmann Hugo Lewin aus Tempelburg, heute polnisch Czaplinek. Das Paar zog nach Elberfeld. Hier kam 1915 die erste Tochter zur Welt, Anni, und drei Jahre später Lore.
Else Lewins Tochter Anni Lewin erinnerte sich im November 1981 an ihre Familie:
Geboren im Januar 1915 in einer bürgerlichen Familie, lernte ich meinen Vater eigentlich erst kennen, als er 1918 aus dem Militär zurückkam. Meine Mutter stammte aus Berlin, aus einer Familie, die eine Generation früher aus Posen eingewandert war, mein Vater aus Pommern, wo seine Familie bereits seit Generationen ansässig war. Dies wurde uns Kindern anhand einer Porzellanpfeife – dem sogenannten „Judenporzellan“ – erzählt, die ein Vorfahre der Familie unter Friedrich dem Großen kaufen musste.
Wir wohnten in der Wortmannstraße 42, mein Vater und zwei seiner Brüder hatten zusammen ein En-gros-Geschäft für Schweizer Seidenstoffe und Spitzen in der Hofaue, Ecke Brausenwerth (ich glaube Nr. 96), das einer meiner Onkel während der Kriegszeit führte, da er Invalide war und nicht eingezogen wurde. Ich habe eine Schwester, die drei Jahre jünger ist als ich und auch in Israel lebt.
Ich habe die Volksschule in der Trooststraße besucht und später das Lyceum Ost bis zum 16. Lebensjahr. Als dann die Frage der weiteren Ausbildung aktuell wurde, beschlossen meine Eltern, die schon damals Zionisten waren, dass es besser sei, einen praktischen Beruf zu lernen, den man eventuell auch in Palästina ausnützen könne, statt zu studieren. Entsprechend meinen Neigungen und Fähigkeiten wurde das Schneider-Handwerk gewählt. Ich habe dann die „Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie“ in Barmen zwei Jahre lang besucht und das dritte Lehrjahr bei einer Schneiderin in Barmen absolviert und diese Lehre 1934 mit dem Gesellenzeugnis abgeschlossen. Als Kuriosität wäre dazu zu erzählen, dass ich sicherlich eine der wenigen Jüdinnen bin, die einen Gesellenbrief mit einem Hakenkreuz besitzen, denn soviel mir bekannt ist, wurden Juden später gar nicht mehr zugelassen.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Familie waren bis zur Inflation gut, aber bereits mit der Inflation begannen die Schwierigkeiten. Die Rechnungen für die Schweizer Waren konnten nicht mehr bezahlt werden und das Geschäft geriet in Zahlungsschwierigkeiten. Danach ging es langsam bergab. 1933 übersiedelten meine Eltern und meine jüngere Schwester nach Berlin, wo mein Vater schon ein Jahr vorher eine Vertretung angenommen hatte. Ich blieb in Wuppertal, in der Obhut guter Freunde meiner Eltern, um meine Lehrzeit zu beendigen.
In dieser Zeit war ich bereits in der jüdischen Jugendbewegung „Kameraden“, die dann in der Hitlerzeit zionistisch wurde und den Namen „Werkleute“ erhielt. Mit dieser Gruppe kam ich im Januar 1936 nach Palästina und blieb mit der Gruppe zusammen im Kibbuz „Hasorea“. Die Zeit zwischen 1934 und 1936 verbrachte ich in Vorbereitungs- und Ausbildungsgruppen des Hechaluz in Litauen und Italien, um für meine Auswanderung nach Palästina die nötigen Voraussetzungen zu haben.
Meine Eltern kamen aus nicht-religiösen Milieus, waren aber schon, so lange ich denken kann, Mitglieder der zionistischen Vereinigung, und entsprechend wurden wir schon als Kinder erzogen.
Bereits als kleines Mädchen wurde mir oft „Jud, Jud“ nachgerufen, aber durch die Einstellung meiner Eltern gab es eine gewisse Kompensation für diese Anpöbeleien. […] Von der Nazizeit habe ich nicht sehr viel direkt miterlebt, da ich praktisch schon 1934 Deutschland verlassen habe.
Allerdings haben meine Eltern nach 1933 von Jahr zu Jahr mehr gelitten. Die wirtschaftliche Lage wurde immer schwerer, bis dann mein Vater seine Arbeit ganz verlor und schließlich Zwangsarbeit leisten musste. […]
Als dann der II. Weltkrieg ausbrach und die Korrespondenz mit den Eltern nur noch durch „Rote-Kreuzbriefe“ bestand, habe ich praktisch nicht mehr sehr viele Einzelheiten gehört. Ich weiß, dass die finanzielle Lage sehr schwer war und nur die Hilfe eines Verwandten aus England meine Eltern vor dem Hunger bewahrte. […]
Als alte Zionisten hatten meine Eltern nach der Hitlerzeit die Absicht, nach Palästina auszuwandern. Die Umstände haben es dazu gebracht, dass sie zu lange auf eine legale Auswanderung (Zertifikat) gewartet haben. Zu illegaler Auswanderung hatten sie nicht den Mut, zum Teil bedingt durch ihren schlechten Gesundheitszustand, zum Teil durch den Glauben, „dass alles noch gut werden wird“, und die absolute Unmöglichkeit sich vorzustellen, dass das möglich sein könnte, was dann geschah.
Meine Eltern waren aktive Mitglieder der Zionistischen Vereinigung, ich wurde schon sehr jung mit zu Vorträgen genommen. […] Meine Mutter war lange Zeit im jüdischen Frauenverein sozial tätig und eine Zeit lang auch Vorsitzende dort. […]
Else Lewin wurde am 18. August 1942 mit ihrem Mann von Berlin aus in das Ghetto Riga deportiert. Wann und wie genau man sie dort ermordete, ist nicht bekannt. Sie war 55 Jahre alt.
Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft erhielten die in Palästina lebenden Töchter einen Abschiedsbrief, an dem die Eltern über eine längere Zeit geschrieben haben:
Meine innigst geliebten Kinder,
wir hoffen noch immer, dass unser innigster und einziger Wunsch – Euch wieder zu sehen – in Erfüllung gehen möge, aber die Aussichten sind leider sehr gering. Wir haben aus dieser Hoffnung heraus bisher alles Schwere auf uns genommen, allerdings ist uns bis jetzt vieles erspart geblieben, was andere erleben mussten. Wir werden auch weiterhin versuchen durchzuhalten, aber sollten Dinge an uns herantreten, die den sicheren Tod im Gefolge haben, so werden wir sehr wahrscheinlich unserem Leben selbst ein Ende bereiten, jedenfalls haben wir für genügend Veronal gesorgt. Auch dieser Schritt ist bitter schwer, und wir glaubten, ihn mit Rücksicht auf Euch nicht tun zu dürfen, aber ich bin der Überzeugung, dass auch Euch der Gedanke leichter sein muss, dass wir kurz und schmerzlos sterben, als dass wir langsam, qualvoll und elendlich [sic] zu Grunde gehen. Wir sind beide nicht mehr jung und gesund genug, um ein Leben ohne jede Pflege, ohne einigermaßen geeignetes und genügendes Essen, in Kälte und Dreck eingepfercht mit vielen Menschen in engsten Räumen und brutalster Behandlung durchhalten zu können.
Wie es nun wirklich kommt, bleibt abzuwarten, immerhin drängt es mich, wenigstens auf diesem Wege ein paar Worte zu sagen. Wie soll ich Euch all unsere Gedanken und Gefühle schildern? Es ist nicht möglich, da es ihrer gar zu viele sind, und ich wüsste nicht, wo ich anfangen und wo ich enden sollte. Ich möchte nur, dass Ihr nochmal alle Liebe spürt, die wir immer für euch gehegt haben und heute mehr denn je, denn Ihr seid unser einziger Gedanke und unsere einzige Hoffnung und unsere guten Wünsche begleiten Euch. […]
Oft quält mich der Gedanke, dass Du, mein Anni-Kind, wegen unserer Anforderung im Kibbuz geblieben bist. Hätten wir korrespondieren können, so hätte ich Euch gebeten, das zu tun, was für Euch richtig ist. Oft quält mich auch, dass ich in Eurer Erziehung Fehler gemacht habe, aber ich will hoffen, dass Ihr heute wisst, dass mich immer nur Liebe geleitet hat und ich immer nur an Euer Wohl gedacht habe.
Sagen müsste ich Euch auch noch, dass zwischen Vati und mir nie eheliche oder menschliche Differenzen bestanden haben. Das Leben war nur so unendlich schwer, da Vati es nach der Inflation nicht mehr gelungen ist, wirtschaftlich Fuß zu fassen. […] Jetzt haben wir gut vermietet und Vati verdient etwas, sodass wir auch heute in dem Punkt keine Sorgen haben. Hätten wir nicht die große Angst vor der Zukunft, so würden wir ruhig und friedlich leben.
Wir hatten uns vor Kriegsausbruch sehr einfach und bescheiden, aber gediegen für die Auswanderung eingekleidet und auch an Euch gedacht, aber manches haben wir in drei Jahren aufgebraucht und vieles verkauft, um leben zu können, denn vom Herbst 1940 ab war ich über ein halbes Jahr sehr krank, und mein Leben hing mal wieder an einem seidenen Fädchen und Krankheit kostete viel Geld. So ist vieles, was wir Euch zugedacht haben, nicht mehr in unserem Besitz, und Vieles mussten wir ja auch abgeben, wie Euch bekannt sein wird. Bilder und Andenken haben wir Onkel Max und Tante Lotte zur Aufbewahrung gegeben, auch etwas Wäsche werden sie Euch hoffentlich zukommen lassen können.
Aber alles das spielt ja heute keine Rolle. Ständig verlassen unsere Leute ihr Heim und gehen nackt in die ungewisse Zukunft. Ob und wann uns das Schicksal erreicht, steht vielleicht in den Sternen geschrieben, wir wissen es nicht.
Wie uns zumute ist, könnt Ihr Euch denken. Trotzdem sind wir nicht verzweifelt, und wenn es sein muss, bringen auch wir unser Leben als Opfer der Situation dar und sind immer wieder froh, dass Ihr Euch zeitig gerettet habt. Nur wüssten wir gar zu gern, ob Ihr, wenn auch nicht restlos glücklich, so wenigstens zufrieden seid. Und wenn ich nur wüsste, ob mein Lore-Kind das Klima verträgt und einigermaßen den Anforderungen des schweren Lebens gewachsen ist.
Aber wohin hätten wir Dir raten können zu gehen, wenn nicht nach dort? Noch ist das Schicksal Eures Landes nicht entschieden, aber wir wünschen demselben und Euch alles, alles Gute, meine innigst geliebten Mädels. Das Leben ist für niemand leicht. Tragt es tapfer und verbittert es Euch nicht unnötig. […]
Inzwischen sind einige Wochen vergangen. Viele Bekannte sind bereits evakuiert und leben vielleicht nicht mehr, auch uns wird das Schicksal ereilen, nur der Termin ist uns noch unbekannt. Aber da der Krieg ja mal ein Ende haben muss und die Zeit, die wir unter schrecklichen Verhältnissen leben müssen, eventuell nur kurz ist, so werden wir vielleicht doch versuchen durchzuhalten, denn auch der andere Schritt ist unendlich schwer, und namentlich Vati kann sich nicht dazu entschließen, also heißt es weiter ertragen und weiter hoffen. […]
Vielleicht und hoffentlich wird durch diesen Krieg die Zukunft der Juden stabilisiert oder wenigstens erleichtert, dann hätten die vielen Opfer auf unserer Seite wenigstens einen Sinn. […]
Ich möchte euch noch so unendlich viel sagen, aber es geht nicht schriftlich und unsere Situation ist so unsicher und schwer, dass man nicht fähig dazu ist und wir wollen uns gegenseitig nicht das Herz noch schwerer machen, als es so schon ist. Bis zum letzten Atemzug werden Euch unsere guten Wünsche und unsere Liebe begleiten.
Eure Eltern Hugo und Else Lewin
Quellen
Stadtarchiv Wuppertal: Akten für Wiedergutmachung 601842 | Archiv Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal: Zeitzeugenberichte | Yad VaShem: Gedenkblatt Hugo Lewin